Die Märchenstunde

Im Schein des wärmenden Kamins saßen eine Reihe Kinder und lauschten den Erzählungen einer jungen Frau. Sie hatte eine Tabakpfeife in der einen, ein altes Buch, aus dem sich die vergilbten Seiten lösten, in der anderen Hand. Sie wippte im Schaukelstuhl wie das Pendel einer Standuhr.

»Erzähle uns eine neue Geschichte«, bat ein Junge und warf sich die kuschelige Decke über den Rücken.

»Diesmal eine wirklich gruselige Geschichte«, sagte ein weiteres Kind.

Ein Mädchen wiederholte das Flehen der Knaben. »Bitte Tantchen«, fügte sie mit ihren kindlichen Knopfaugen hinzu.

Die Frau lachte und klappte das Buch zu. Sie legte die Pfeife auf den Abstelltisch, die Arme auf die Oberschenkel. »Ihr sollt keine Albträume bekommen.«

Das Mädchen protestierte: »Wir sind alt genug.«

Die junge Frau lachte. »Dann spitzt die Ohren und lauscht meiner Erzählung. Es ist eine Geschichte von übernatürlichen Wesen, von Göttern und Teufeln, Blut und Leben, Hoffnung und Trauer. Es ist das Märchen vom Seezirkus.«

Prolog

Knarzend brach der lodernde Halbmast des Schiffs entzwei. Das abgebrochene Stück wühlte die raue See auf und versank in den weiten Tiefen. Ein brennender Fetzen seines Segels zog einen über Bord geworfenen Matrosen in den qualvollen Tod. Von Flammen verschlungen fand sich das Schiff in den letzten Minuten seines Lebens. Piraten, deren Körper von Feuer umhüllt waren, versammelten die Crew an Deck. Sie schienen die Schmerzen ihres brennenden Fleisches nicht zu spüren.

Der Hauptmast, vom Brand zerfressen, gab nach und stürzte in die tosenden Wellen. Das Schiff schwankte. Dichter, in den Lungen kratzender Rauch verteilte sich, zog auf das Meer hinaus. Alle Matrosen standen in einer Reihe. Sie waren umgeben vom Geruch brennenden Fleisches und verkohltem Holz. Einigen drehte es den Magen um.

»Die Feuerteufel«, stammelte ein Seefahrer zitternd.

»Auf die Knie!«, befahl einer der Piraten, zeigte mit dem Finger herunter und zog sein Schwert. Der Matrose kam dem Befehl unterwürfig und ohne Zögern nach. Sein Gesicht war verschwitzt, die Nase durch einen Schlag blutig und gebrochen. »Wo ist euer Anführer?« Seine Stimme war kratzig.

Der Matrose gab wimmernde und leise Töne von sich, die kaum als Worte durchgingen. Jede Faser seines Körpers zitterte.

Der Pirat näherte sich seinem Gesicht bis auf wenige Zentimeter. »Sei in den letzten Sekunden deines Lebens ein Mann.«

Ein Knall ertönte.

Eine Kugel durchbohrte den Schädel des hilflosen Mannes. Sein Körper fiel leblos zur Seite. Blut floss aus der Wunde und bildete eine Lache, die mit jeder Sekunde wuchs. Die Schritte des Schützen erklangen in den Ohren ihrer Opfer wie ein Abgesang des Teufels. Ihre Nerven bebten.

Ein Matrose ergriff die Flucht. Sofort packte ihn ein Pirat am Arm, schlitzte ihm die Kehle auf und warf ihn in einer flüssigen Bewegung über die Reling.

Der Schütze steckte seine Steinschlosspistole in das unter der knielangen schwarzen Jacke versteckte Holster. »Dieser jämmerliche Anblick ist nicht zu ertragen.« Er richtete seinen breiten Dreispitz zurecht. Wie der Rest der Piraten war der Kapitän der Feuerteufel von Flammen umhüllt. Verbrannte Haut zog sich über seinen kompletten Körper. An den Seiten seiner Kopfbedeckung prangten schulterlange mit Goldschmuck eingeflochtene Strähnen. Sein Kinnbart war zu einem Zopf gebunden. Zwei Zähne waren aus purem Gold.

Er stemmte einen Stiefel gegen den Kopf der Leiche. Mit düsterer Stimme sagte er: »Ich weiß, wo sich der Feigling versteckt. Ich höre es durch die Flammen.«

Schreiend rannte ein Seemann auf den Kapitän der Feuerteufel zu. Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck rammte er ihm einen Degen durch den Brustkorb. Die Augenbrauen des Freibeuters untermalten seinen finsteren Blick. Für einen Moment schien ihn die verzweifelte Tat zu amüsieren. Er umklammerte den Oberarm seines vermeintlichen Mörders. Unter einer schmerzverzerrten Miene und zusammengekniffenen Augen schmolzen die Flammen Brandnarben in seine Haut. »Eure Waffen töten uns nicht.« Die beißenden schwarzen Augen erdolchten seine Seele. Er zog das eigene Schwert aus der Scheide und stieß es dem Mann durch sein Herz, dann erst zog er das andere aus seiner Brust.

»Passt auf, dass sich niemand das Leben nimmt«, wies er die Piraten an. Der Piratenkapitän lief an den Gefangenen vorbei und schlug die Spitze seines Schwertes bei jedem Schritt gegen den hölzernen Boden. Der feine Goldschmuck reflektierte das Licht der rot-orangenen Flammen.

Er stand vor der Kapitänskabine am Achterdeck. Ermüdend stellte er fest, dass die Tür blockiert war. »Schafft mir eine geladene Kanone her und schießt diese gottverdammte Tür auf!«, knurrte er.

Zwei Piraten kamen dem Befehl haltlos nach und beluden eine der Kanonen. Sie rollten das schwere Geschütz zur Kabine, der Lauf gegen die Wand gerichtet. Funken sprühend zischte die Lunte, gefolgt von einer dröhnenden Explosion. Das Holz wurde regelrecht in Fetzen gerissen und verteilte sich überall. Der Kapitän stieg durch das Loch, die zwei Kanoniere hinterher. Sie zerrten den in der Ecke kauernden Kapitän auf einen Stuhl. Der massive Tisch davor war noch intakt.

Der Baron des Feuers, wie er genannt wurde, hob einen umgeworfenen Stuhl auf und stellte ihn auf die gegenüberliegende Seite. Bevor er sich hinsetzte, holte er einen Stofffetzen hervor. »Du weißt, wer wir sind.«

Die Hände des Kapitäns zitterten. »Die Feuerteufel«, brachte er rasch über die Lippen, »du bist Daron Hiev, der Kapitän.« Vor lauter Angst sprang seine Stimme durch mehrere Tonlagen.

»Gut, dann erspare ich mir die weitere Vorstellung.« Er faltete den verdreckten Lumpen auf dem Tisch auf und schob sie zur Mitte der Tischplatte. Eine in zwei Teile gebrochene Maske war darauf gezeichnet. »Ich suche die Maske von Davy Jones. Ich weiß, dass das Königreich Lunaria einst eine Hälfte versteckte. Wo ist sie?«

Der Kapitän der Seemänner verschluckte sich fast bei seiner Antwort. »Ich befehlige nur ein einfaches Schlachtschiff auf Patrouille.«

Daron Hiev schaute einen seiner Männer an. »Schneide ihm einen Finger ab, dann erinnert er sich bestimmt.«

Der Räuber ließ dem Gefangenen keine Zeit zu reagieren, drückte seine linke Hand flach auf den Tisch und hackte ihm mit zwei groben Hieben den Daumen ab. Dieser schrie auf und legte seine rechte Hand auf die schmerzende Wunde. Er wippte mit dem Kopf, bis ihn Hiev am Kinn fasste. »Wo ist die Maske von Davy Jones?«

»Habt Gnade«, flehte er. Kurzum verlor er den anderen Daumen.

Er schaute dem Verletzten in die tränenden Augen und sagte, jedes Wort mit Nachdruck betonend: »Wo ist die Maske?«

»Der Admiral Andrew ist ein direkter Nachfahre der Leute, die die Maske fortschafften. Mehr weiß ich wirklich nicht.«

Hiev grinste. Ein Goldzahn flimmerte auf. Er steckte den Fetzen wieder ein. »Tötet ihn und versenkt das Schiff. Wir sind hier fertig.«

Chancenlos versuchte sich der Gefangene aus dem Griff des Piraten zu befreien. »Ich kam eurer Forderung nach!«, flehte er um sein Überleben. »Lasst mich und meine Männer frei!«

»Du kennst doch das Märchen der Feuerteufel. Dein Leben endete mit unserer Ankunft.«

Mit aufgeschnittener Kehle, Wörter gurgelnd, verblutete er elendig. Röchelnd wurde die rote Suppe aus seinem Hals gespült, bis sein Kopf auf die Tischplatte sank. Das Leben wich aus seinem Körper, sein Blut tropfte auf den Boden.

Die mittlerweile gefesselte Crew kniete ihrem Untergang entgegen, während die Feuerteufel ihr Schiff bestiegen. Das Feuer näherte sich den Pulverfässern an, die Menschen sahen ihre Zeit ablaufen. In einer lodernden Explosion versank das lunarische Schlachtschiff in der aufgewühlten See.

Erster Akt

Das Mädchen vom Zirkus

Kapitel I

Am nächsten Tag hatte die See die Rufe der Verstorbenen verschluckt und vergessen. Wolkenfrei strahlte die gleißende Sonne auf das Meer, ihr Licht schimmerte in einer glänzenden Reflexion auf der Wasseroberfläche. Möwen flogen in Gruppen durch die Lüfte, ihre Rufe waren von überall zu hören. Mittendrin segelten Schiffe nach Osten zum naheliegenden Hafen einer Inselgruppe, die mit breiten Gebirgen und weitläufigen Stränden gespickt war. Der gelbliche Sand zog sich wie ein Ring um das dicht besiedelte Land, so dass es von oben wie ein Kopf mit zahlreichen Augen aussah. Abseits davon erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen das endlose Meer. Die träumerische Aussicht, untermalt von Fischerbooten, ließ so manchen einen Moment darin versinken.

Ein Schiff stach unter den Anreisenden besonders ins Auge. Am Rumpf flatterten bunte Schleier, eine hölzerne Maske hing am Bug des Dreimasters. Das Lächeln der tiefroten Mundwinkel schien sich zu bewegen. Die schwarzen dreieckigen Augen starrten in die Ferne. Am Heck stand in verschnörkelter Schrift der Name Grinsende Maske. Vom hinteren Mast zum Hauptmast war ein dickes Seil gespannt worden. Miri, die zwanzigjährige Artistin des Seezirkus, bewegte sich mit den Schwingungen der See. Jeder Schritt war von absoluter Eleganz erfüllt. Auf der Hälfte, in rund zehn Metern Höhe, schloss sie ihre Lider und streckte die Arme aus. Auf diese Weise wahrte sie die Balance. Sie vernahm die Wärme der Sonne auf ihrer gebräunten Haut. Nach einem tiefen Atemzug, der den salzigen Geruch des Meeres innehatte, schaute sie zum Himmel hinauf. Die schulterlangen blonden Haare lagen auf ihrem knielangen weißen Kleid. Miri war von zartem Körperbau. Ihre Beine lang und schlank, ihre Füße zierlich, die Sohlen wund vom Üben auf dem Seil. Das einzige Schmuckstück am Körper war der gelbliche Haarreif, welcher ihre Haare von der Stirn fernhielt.

Jeder Seiltanz forderte ihre höchste Konzentration und Aufmerksamkeit. Das Ende des Seils erreicht, hielt sie sich am Netz fest und genoss einen Augenblick den salzigen Wind. Von der anhaltenden Seeluft waren ihre Lippen trocken geworden.

»Komm endlich runter!«, schallte der Befehl in einem aggressiven Tonfall zu ihr hoch. »Wir legen bald an.«

Der friedliche Moment war wie so oft von kurzer Dauer. Die Stimme des Mannes sorgte in ihrem Innersten für ein angsterfülltes Grollen. Der Zirkusdirektor war außer seiner roten Anzugjacke komplett in Schwarz gekleidet. Markant waren die Handschuhe und der Zwirbelbart unter der spitzen Nase. Er entsprach wahrlich dem Bild eines klassischen Zirkusdirektors.

Sie kletterte vom Netz des Mastes herunter. Ihre Mundwinkel drückten die Unruhe ihrer Gefühle aus. Als der Direktor seine Hand zur am Gürtel befestigten Peitsche bewegte, kraxelte sie flinker hinab.

»Geh in deine Kajüte! Du verschwindest, bis wir anlegen«, befahl er mit voluminöser Stimme. Der Mann war zwei Köpfe größer als die zarte Seiltänzerin. Die Falten in seinem Gesicht sprachen für das gestandene Alter.

Miri nickte ihm wortlos zu und wartete darauf, einen Hieb von seiner Peitsche einzustecken.

Der Direktor hielt den Griff fest in der Hand. »Zisch ab, sonst setzt es was!« Er wedelte mit der anderen Hand. Durch die schrägen Augenbrauen sah sein Blick stets finster aus. Passend porträtierte das Gesicht das menschgewordene Monster.

Sie öffnete den Mund, doch ihr blieben die Worte im Halse stecken. Miri drehte sich um, bereit, sich in ihr Zimmer zu flüchten.

»Zieh das Kleid aus, unten verschmutzt es«, pfiff er sie zurück und hielt seine Pranke hin. »Es ist nur zum Üben und für die Show, vergiss das nicht.«

Miri wehrte sich nicht gegen seine Machtausübung und streifte das Gewand über die Schulter und den Kopf. Nichts als die braune Unterwäsche bedeckte ihre Haut, die Sonne stach auf ihren Leib. Alle ihre Narben des ständigen Auspeitschens lagen frei. Solche Entwürdigungen gehörten zwar zu ihrem Alltag, trotzdem gewöhnte sie sich keinesfalls daran und wollte es auch nicht. Beschämt kreuzte sie die Arme vor der Brust und lief unter Deck.

»Hätten wir dieses Balg doch niemals mit unserem Fluch beseelt«, brummte er und donnerte die Peitschenspitze auf den Boden.

Miri sprang erschrocken ein Stück nach vorne, da das Geräusch vergangene Erinnerungen aufwühlte. Es kostete sie Mühe, die Gedanken für wenige Minuten zu vertreiben. Wieder mal wurde ihr klar, dass sie die jüngste Seele an Bord war. Das Haupt gesenkt schritt sie den Flur entlang, der durch Öllampen beleuchtet war. Die Dielen unter ihren Füßen knarzten. Ein entgegenkommender Artist rempelte sie an. Miri stieß gegen die Wand und schwieg. Sie war an die raue und abgeneigte Art ihr gegenüber gewöhnt.

Am Ende des Ganges, im kümmerlichen Schein der letzten Öllampe, befand sich die angewinkelte Tür zu ihrer Kajüte. Mit dem Fuß vor der Pforte aus dunkelbraunem Holz durchzuckte sie ein stechender Schmerz in der Fußsohle. Sie kniff die Augen zusammen und humpelte den restlichen Weg zu ihrem Bett. Behutsam zog sie den Splitter heraus, indem sie ihre dreckigen Fingernägel wie eine Pinzette anwinkelte. Ein Tropfen Blut trat aus der Verletzung hervor. Miri strich mit dem Daumen drüber und kauerte sich gegen das Kopfende des Bettes. Ihre Arme umschlangen die herangezogenen Beine und drückten sie an ihre flache Brust. Eine Träne quoll aus ihrem Auge, dann eine weitere. Sie schluchzte und versenkte den Kopf zwischen ihren Knien. »Ich will endlich sterben«, flehte sie von Tränen überströmt.

Auf ihrem Nachttisch lag ein blutbefleckter Dolch. Das angetrocknete Blut schrieb die Geschichten ihrer etlichen Selbstmordversuche. Durch jedes Eintauchen des Stahls in ihren Körper erkannte sie, wie aussichtslos ihr Flehen nach dem Tod war. Seit jener verhängnisvollen Nacht war sie schließlich verstorben und trotzdem lebte sie. Ihr Leben glich einem Gefängnis. Zwei Jahre kämpfte sich Miri schon durch jeden Tag und schlief unter den Monstern der Besatzung. Ihr Rückzugsort, dieses Zimmer, sah kümmerlich aus. Das Bett, ein angerostetes Gestell aus Metall mit einer dünnen Matratze, schenkte ihr keine Ruhe. An manchen Tagen versteckte sie sich darunter. Der Nachttisch war abgenutzt, ein Bein angebrochen und durch ein zerfleddertes Buch gestützt. Dem Kleiderschrank fehlte eine Tür, die andere hing schief in den Angeln. Eine einzige Öllampe spendete in den einsamen Nächten Licht. Der Schein reichte kaum bis zur Wand. Das Bullauge war der letzte intakte Teil ihrer Kabine.

Es roch an allen Ecken modrig, an manchen Tagen fischig. Obwohl der trostlose Anblick keine erholenden Gefühle erlaubte, lernte sie die Einsamkeit darin zu genießen. Es gab zu wenig in ihrem Leben, was den Tag erträglich gestaltete, drum griff sich Miri jeden blassen Funken, um ihrer Seele kurze Minuten der Hoffnung zu schenken. Sie hob den Kopf und rieb sich die angeschwollenen Augen trocken. Sekunden verharrte ihr Blick an der Klinge des Dolches und ihrem vertrockneten Blut. Sekunden, die ihr Verlangen nach Erlösung wie ein schmerzhaftes Lauffeuer durch die Adern brennen ließen.

Es tötet mich am Ende nicht, dachte sie an die unzähligen Versuche zurück. Ich bin kein Teil der normalen Welt … Nicht mehr … Nie wieder. Ihre Lippen bebten. Ruckartig riss Miri die verdreckte Bettdecke zu sich über die angezogenen Knie. Der Stoffbezug verzehrte seit ihrer Wiedergeburt zahlreiche Tränen. Manche Flecken verblassten nie. Die Minuten verstrichen schweigend. Sie beruhigte sich und flüchtete sich unter die für Geborgenheit sorgende Decke. Die Wärme und das Schaukeln des Schiffs wiegten sie in einen Schlaf voller unruhiger Träume.

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